„Zwischen Beckenrand und Bundeswehr“ – Jeannette Spiwoks über ihren Weg im Spitzensport
„Abi geschafft – und jetzt?“ Diese Frage stellen sich viele junge Leute. Für Leistungssportler*innen kommt noch ein zusätzlicher Faktor dazu: das tägliche Training, Wettkämpfe, Trainingslager. Alles unter einen Hut zu bekommen, ist gar nicht so leicht. Doch genau darum geht es in unserer neuen Interviewreihe „Schule fertig – was dann?“, in der wir Schwimmerinnen und Schwimmer vom Bundesstützpunkt Essen zu Wort kommen lassen.
Den Anfang macht unsere Freiwasserspezialistin Jeannette Spiwoks.
26 Jahre, Freiwasser, SG Essen. So stellt sich Jeannette Spiwoks vor – und eigentlich ist damit schon viel gesagt. Denn ihr Weg führte nicht geradeaus durchs Becken, sondern raus in Seen, Meere und Weltcup-Buchten. Und er führte sie vom Niederrhein nach Essen, zwischendurch nach Würzburg – und heute wieder zurück an den Bundesstützpunkt. Dazwischen: Abitur „nebenbei“, ein Bachelorstudium in Sportwissenschaft (ja, Singular!) und die Entscheidung, als Sportsoldatin all-in auf den Leistungssport zu setzen.
Vom Becken ins „kalte“ Freiwasser
Ursprünglich kommt Jeannette aus dem Becken. Über 1500 m Freistil war sie stark – stark genug, um 2014 eigentlich die JEM-Quali in der Tasche zu haben. „Eigentlich“, weil Formalien (Stichwort: NADA-/Startberechtigung) ihr damals die Tür zuschlugen. Der Frust führte überraschend zur neuen Chance: Freiwasser. „Mein Trainer hat sprichwörtllich ins kalte Wasser geschubst: Wir probieren mal 10 Kilometer.“ Ergebnis: Platz zwei, Quali über 7,5 km – und sportliches Durchstarten im Freiwasser.
Voerde → Essen: Leistungssport und Abitur im Internat
Jeannette stammt aus Voerde am Niederrhein. Um Leistungssport ernsthaft weiterzuverfolgen, wechselt sie 2015 nach Essen aufs Gymnasium und ins Internat. Der Sprung Realschule → Gymnasium, plus frühmorgens Training – „die Schule hat gelitten“, sagt sie ehrlich. Sportlich lief es, aber der Alltag war dicht. Rückblickend war es dennoch der richtige Schritt: Nähe zum Stützpunkt, professionelle Strukturen, klare Entscheidung für den Sport.
Studium: „Uni ist was anderes“
Nach dem Abi eigentlich „nie wieder Lernen“ – und dann doch Uni. Warum es funktionierte? Eigenes Tempo, eigene Planung. Jeannette studiert von 2018 bis 2021 in Würzburg Sportwissenschaft mit dem Schwerpunkt Gesundheit & Bewegungspädagogik, Regelstudienzeit, Abschluss 2021. Geholfen hat auch die Pandemie-Umstellung: Online-Vorlesungen machten den Trainings-/Studien-Spagat machbarer. „Donnerstags nur eine Wassereinheit – da passten Nachmittagsvorlesungen super rein.“ Ein Master? Den hat sie begonnen – und bewusst pausiert. Nicht, weil Lernen keine Option wäre, sondern weil Trainingslager + Prüfungen + Null Freizeit für sie kein nachhaltiges Setup sind.
Sportsoldatin: Der Job heißt Training
Heute ist Jeannette Sportsoldatin bei der Bundeswehr – jeweils Einjahresverträge, die an Leistungsnachweise (PK-Status) gekoppelt sind. Dienst heißt: trainieren, regenerieren, Wettkämpfe schwimmen. Lehrgänge? Ja, aber dosiert – Grundausbildung und Feldwebelanwärter sind durch; als Nächstes steht der Trainer-BW (6 Wochen in Warendorf) an, später noch der Feldwebellehrgang. Olympia 2028 bleibt das klare Ziel: „Darüber hinaus sehen wir, was Körper und Kopf sagen.“ Finanziell ist der Bundeswehr-Status zentral. Ohne Bundeswehr wäre Spitzensport in dieser Intensität kaum machbar, zumal Sporthilfe-Zuschüsse perspektivisch sinken.
Alltag im Hochleistungstakt
Die Woche ist durchgetaktet: 10 Wassereinheiten, 5× Landtraining (Mo–Fr), in Summe 35–40 Stunden. 70–90 km im Wasser sind Standard. Sonntag ist Regenerationstag – außer vor großen Rennen, wenn ein kurzes Aktivieren hilft. Trainieren ohne große Freiwassergruppe in Essen? Für Jeannette gerade bewusst okay. „Ich genieße meine Ruhe. Man kann sich auch mit Bahn-Nachbarn mental pushen, ohne dieselben Paces zu haben.“ Und das Schönste an ihrem Sport: Reisen, draußen sein, frische Luft. Außerdem ist die Familie wieder nah – nach Würzburg waren Besuche selten, heute sind Oma, Opa und Eltern quasi um die Ecke.
Wer hilft? OSP, Rabatte & das kleine 1×1 der Wege
Laufbahnberatung hat Jeannette sowohl in NRW als auch – wegen Würzburg – über andere OSPs in Anspruch genommen. Partnerhochschulen, Rabatte (teils bis ~25 % bei Fernhochschulen) und direkte Uni-Ansprechpersonen: „Fragt nach Listen der Partner – bei Fernunis sind die Gebühren happig, jeder Prozentpunkt hilft.“ Profi-Tipp aus dem Studium: Es heißt Sportwissenschaft (nicht -en) – „Es gibt nur die eine.“ schmunzelt Jeannette.
Herausforderungen: Krankheiten, Schulter, Corona – und Systemfragen
Sportlich war 2024/25 nicht nur Sonnenschein: Grippe vor WM-Quali, Schulterschmerzen beim Rennen, zuletzt Corona. Größer als persönliche Dellen sind für sie aber systemische Fragen: Wie kommen mehr Athlet*innen ins Fördersystem? Bundeswehrplätze sind limitiert, Polizeisportförderung ist in NRW für Schwimmen kaum sichtbar, andere Träger (Zoll/Feuerwehr) existieren, sind aber bei weitem nicht so ausgebaut. Es fehlen Breiten-Förderungen für die vielen starken DJM-Athlet*innen, die (noch) nicht JEM fahren.
„Würde ich den Weg wieder gehen?“ – „Ja!“
Trotz aller Hürden würde Jeannette ihren Weg noch einmal wählen: in Deutschland bleiben, Abitur, Studium, Freiwasser, Bundeswehr.
Jeannettes Rat an Jüngere
• Seid ehrlich zu euch selbst: Wollt ihr jetzt Vollgas im Sport – oder passt ein dualer Weg besser?
• Früh reden: mit Trainer*in, Schule/Uni, OSP. Lösungen entstehen aus Kommunikation.
• Struktur & Regeneration ernst nehmen: 10× Wasser/5× Athletik gehen – wenn der Rest passt.
• Finanzen planen: Bundeswehr/Polizei/Zoll/Feuerwehr, Sporthilfe, OSP-Partner, Rabatte.
• Backup aufbauen: Ein (Fern-)Studium kann Sinn machen – aber nicht um jeden Preis und nicht zulasten der Gesundheit.
Fazit
Der Weg von Jeannette Spiwoks zeigt, dass es im Leistungssport kein Patentrezept gibt. Wichtig sind Klarheit, Ausdauer und die Fähigkeit, auch bei Gegenwind Kurs zu halten. Für sie ist Freiwasser nicht nur Sport, sondern eine Lebenseinstellung: offen, widerstandsfähig und immer bereit, neue Wege zu finden.
