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Der Bundesstützpunkt Essen: Schwitzen in der Talentschmiede

Ein Artikel aus dem swimsportMagazin 1/2015

Essen. Montagmorgen 5:30 Uhr. Die ersten Schwimmer ziehen ihre Bahnen im Bundesstützpunkt (BSP). Die Gruppe setzt sich hauptsächlich aus Schülern zusammen, die nach dem Schwimmtraining bis zur nächsten Trainingseinheit am Nachmittag die Schulbank drücken, einige von ihnen wie Junioren-Europameisterin Lisa Höpink im benachbarten Helmholtzgymnasium. In Kooperation mit der Eliteschule des Sports können Spitzensportler im Vollzeitinternat wohnen oder im Teilzeitinternat betreut werden. Lisa (Jahrgang 98, 10. Klasse) hat sich für das Vollzeitinternat entschieden. Die kurzen Wege zwischen Schule, Internat, Schwimmhalle und dem ebenfalls naheliegenden Olympiastützpunkt Rhein-Ruhr in Verbindung mit einer koordinierten Betreuung von Schule, Training und Wettkämpfen erlauben ihr das Leben einer Spitzenathletin. Ziel: Die Teilnahme an den Olympischen Spielen 2016 in Rio.

Die Bundesstützunkte des DSV sind ein wichtiges Rückgrat des deutschen Leistungsschwimmens. Wir wollen sie daher in dieser und den kommenden Ausgaben ein wenig näher vorstellen. Zum Auftakt nehmen wir Euch mit an den Stützpunkt nach Essen.

Die Kooperation mit der Eliteschule ist für Cheftrainerin Nicole Endruschat ein wichtiger Baustein in der Förderung des Nachwuchses – eine Zusammenarbeit zwischen Trainern und Schule ist unbedingt notwendig. Schulisches Zugeständnis an die Top-Athleten ist in Nordrhein-Westfalen eine Schulzeitstreckung von zwei Jahren auf dem Weg zum Abitur. „Wenn ich damals die Möglichkeit gehabt hätte, Schule und Hochleistungssport so wie es in Essen möglich ist durch die Eliteschule des Sports und den BSP zu kombinieren, hätte ich mich auch dafür entschieden“, erklärt die Essener Athletin Isabelle Härle, Europameisterin über 5 km im Freiwasser 2014 und Weltmeisterin im 5-Kilometer-Teamwettbewerb in Barcelona 2013. Die Studentin der Bewegungs- und Gesundheitswissenschaft an der Uni Wuppertal sieht den großen Vorteil des Trainings am Bundesstützpunkt in den vielfältigen Möglichkeiten, die den Elitesportlern geboten werden: Ein Rundum-Paket, zu dem neben dem Wasser- und Krafttraining auch Ernährungsberatung, medizinische Betreuung und Trainingsdiagnostik zählen. Auch eine Sportpsychologin kann in Anspruch genommen werden. Zudem ist der ausgeprägte Teamgeist in Essen für Isabelle Härle ein großer Motivationsfaktor. Der WM-Dritte von 2011 Christian vom Lehn kann sein Studium der Kognition- und Medienwissenschaft an der Universität Duisburg/Essen und das intensive Training auch dadurch unter „eine Badekappe“ bringen, weil ein zeitlich flexibles Training möglich ist, wenn er studienbedingte Verpflichtungen hat. Trotzdem hat er ebenso wie seine Trainerin Nicole Endruschat einen großen Wunsch: Endlich den lange geplanten Strömungskanal zu bekommen, der für Trainer und Schwimmer eine wichtige Analyse- und Trainingsmöglichkeit darstellen würde.

Insgesamt sieben Trainer kümmern sich in Essen um die Schwimmer in den unterschiedlichen Trainingsgruppen.

Die Arbeit mit den Schwimmern in leistungs- und altersadäquaten Trainingsgruppen ist für Nicole Endruschat ein wichtiger Faktor, um die Athleten individuell betreuen und fördern zu können. Das Trainingsprogramm für die Athleten in der BSP Gruppe I von Nicole Endruschat setzt sich aus zehn Wasser- und fünf Land-Ausdauertrainingseinheiten zusammen. Ergänzend unterstützt werden die Schwimmer des BSP vom Ärztestab des Olympiastützpunktes (OSP) Rhein-Ruhr – sofern sie dem A, B, C, S oder D/C Bundeskader angehören. Diese Kaderzugehörigkeit ist Grundbedingung, um in der Trainingsgruppe 1 oder 2 des Bundesstützpunktes zu schwimmen – in Verbindung mit der perspektivischen individuellen Einschätzung der Trainer. Allerdings haben die Schwimmer Startrechte für unterschiedliche Vereine, müssen nicht der SG Essen angehören. Im Vier-Jahres-Rhythmus wird der Status als Bundesstützpunkt durch den DSV geprüft – die Anzahl erfolgreicher Sportler spielt eine wichtige Rolle. Mit dem vom DSV zur Verfügung gestellten Budget wird in Essen u. a. Trainerin Nicole Endruschat bezahlt. Ein weiterer Coach wird vom OSP finanziert und die SG Essen trägt die Kosten der übrigen Trainer.

Die Möglichkeiten des Status als Bundesstützpunkt, die vertrauensvolle Zusammenarbeit zwischen Trainern und Schwimmern, das ausgeprägte Umfeldmanagement, die Maßnahmen des DSV sowie die Unterstützung aller Beteiligten der sich als Talentschmiede präsentierenden SG Essen sind in der Gesamtheit auf ein Ziel ausgerichtet: den langfristigen Erfolg. Und diesen erhofft sich auch Youngster Lisa Höpink: „Ich mache mir viele Gedanken über meine Zukunft. 2016 möchte ich zu den olympischen Spielen, 2017 mein Abitur machen und wenn es 2016 nicht klappt, versuche ich 2020 bei Olympia dabei zu sein.“ Um den Traum eines jeden Athleten zu verwirklichen: Eine olympische Medaille.